Diesen Sommer wird Europa, nein die halbe Fussballwelt, gegen Osten schauen. Kein Wunder, die Fussball EM findet in Polen und der Ukraine statt - aber keine Angst, in diesem Reisebericht spielt König Fussball keine Rolle. Obwohl es in Warschau ein Königsschloss und viele Helden (der Arbeit) gibt, aber auch Tempel des Kapitalismus und Partys in Abbruchhäusern: In Polens Hauptstadt geht schlicht alles irgendwie zusammen. Da ist die kleine Altstadt mit ihren malerischen Gassen und den schönen Kaufmannshäusern, umgeben vom Betongebirge sozialistischer Plattenbauten. Natürlich bietet es sich an mit dem Flugzeug nach Warschau zu reisen, die Preise sind moderat und die Dauer der Reise ist kurz. Zudem ist der Flughafen bestens mit der Stadt verbunden - die bevorstehende Fussball EM hat da einiges dazu beigetragen, dass das öffentliche Verkehrsnetz modernisiert wurde.
Natürlich werden die Preise der Hotels zum Sommer hin ansteigen, darum ein Tipp in Sachen Unterkunft, welcher bezahlbar und spannend ist. Da wäre das "Mazowiecki" ein ehemaliges Armeehotel in bester Lage, unweit des Sächsischen Gartens. Im unteren Teil des Gebäudes wird in der Kuźnia Smaku gutes polnisches Essen serviert. Es ist eine einfache Einrichtung in einem nicht komplett renovierten Haus, aber sehr sauber. Für alle Reisenden mit kleinem Geldbeutel, die während ihres Besuches etwas von der oft längst vergessenen sozialistischen Atmosphäre schnuppern wollen. (Metro Świętokrzyska, Bus 175 Ordynacka). Gepäck abladen und ab in die Stadt. Es sind die atemberaubenden Kontraste, die den Reiz Warschaus ausmachen, weniger die gewachsene Schönheit einer vielleicht klassischen Architektur. Mit der Aura einer jahrhundertealten Baukunst kann die polnische Hauptstadt nämlich nicht (mehr) dienen: Warschau war am Ende des Zweiten Weltkriegs zu über 90 Prozent zerstört. Nahezu alles, was alt aussieht, ist Kopie des zerstörten Originals, bis ins Detail meisterlich rekonstruiert: Kirchen, Paläste, ganze Strassenzüge, die komplette Altstadt. Aber trotzdem gibts in der polnischen Hauptstadt sehr viele Sachen, für die sich ein Stadtrundgang lohnt. Da wäre zum Beispiel der Altstadtmarkt/Rynek Starego Miasta: Im Zentrum des Altstadtmarktes steht die Sirene, die Wappenfigur der Stadt. Geschaffen wurde die unverkennbar romantisch geprägte Bronzeskulptur der wehrhaften Nixe um 1850. Sie steht erst seit Kurzem wieder an ihrem angestammten Platz. In den herrschaftlichen Häusern, die den Platz begrenzen und mit viel Liebe restauriert worden sind, befinden sich Restaurants, Galerien und zahlreiche Souvenirläden. Im Sommer pulsiert auf dem Rynek das Leben. In den Strassencafés, kleinen Biergärten und zwischen den Galerien unter freiem Himmel drängen sich die Menschen. Droschkenfahrer bieten ihre Dienste an, Geigenspieler bitten um Kleingeld, Blumenhändler bieten ihre Ware und Schnellzeichner ihre Dienste an.
Weiter zum Kulturpalast/Pałac Kultury i Nauki: Obwohl die Warschauer dem Bau lange mit Widerwillen begegneten, avancierte er zum Wahrzeichen der Stadt. Daran änderten auch die futuristischen Wolkenkratzer nichts - seinen Gegnern zum Trotz, die hofften, der Kulturpalast würde langsam, aber sicher zugebaut. Erbaut wurde der Koloss 1952-1955 auf Geheiss Stalins. Der Monumentalbau war zur Entstehungszeit das zweitgrösste Gebäude in ganz Europa: 230,68 Meter Höhe inklusive Spitze, 42 Etagen und 3288 Räume. Immer noch ist es das höchste Haus Polens. Besucher gelangen mit einem Fahrstuhl in die 30. Etage auf 114 m Höhe - mit einem einzigartigen Panoramablick auf Warschau (Eintrittskarten gibt es in der Lobby). Zur Jahrtausendwende wurde die zweitgrösste Uhr Europas am Turm des Kulturpalasts enthüllt. Ihre vier Zifferblätter haben einen Durchmesser von je 6 Meter. Der Komplex beherbergt drei Theater, mehrere Museen, ein Schwimmbad und einen gigantischen Kongresssaal mit 3200 Plätzen. Alles ein bisschen Old Style, aber irgendwie mit Charme. Auf dem Defilierplatz (plac Defilad) vor dem Kulturpalast wurden einst die pompösen Demonstrationen mit kommunistischer Politprominenz abgehalten. Die gewaltige Steintribüne vor dem Haupteingang erinnert daran.
Überhaupt wird über Warschau von Reisenden viel berichtet. Die einen lieben die Stadt, die anderen Touristen hassen sie. Das hat vermutlich seine Gründe, aber man sollte sich vielleicht einfach selber ein Bild machen - und dabei auf ein paar Sachen achten. Wie in allen Grossstädten gibt es auch in Warschau ein paar No-Go's zu beachten. Beispiele gefällig? Da wäre zum Beispiel Alkohol im Freien trinken, das wird teuer. Taxi ohne Telefonnummer auf dem Dach nehmen, auch das wird teuer. Sorglos über den Zebrastreifen gehen, das endet tödlich - in Polen ist es anders geregelt mit dem Vortritt als in der Schweiz. Aber am wichtigsten zu beachten ist es: Polen niemals mit Russland gleichsetzen, da könnten durchaus Fäuste fliegen! Aber wir bleiben friedlich und widmen uns dem Essen und Trinken. Erst recht, weil zweiteres ja in der Öffentlichkeit verboten ist. Zwei Tipps für Magen und Seele. Das "Pierogarnia": Das vielleicht beste der vielen Restaurants, die sich auf den polnischen Klassiker Piroggen (gefüllte Teigtaschen) spezialisiert haben: Mindestens ein Dutzend verschiedener Sorten Piroggen gibt es hier. Die Pierogarnia ist malerisch an der steilen Strasse vom Königsweg nach Mariensztat gelegen. Ebenfalls zu empfehlen, das "Bulgaria Magica": Der Klassiker des Hauses ist Pommes Frites mit Sirene, einem sehr würzigen Schafskäse. Ausserdem die Varna-Spezialität (Pouletbrüstli in Rahm-Champignonsauce), Kjufte (Hackfleischbällchen) oder Kawarma (Fleischstücke mit Zwiebeln und Paprika).
Gestärkt geht es weiter. Warschau ist eine vergleichsweise junge Hauptstadt. Die Krakauer betonen gern, dass ihr Ort schon Zentrum des Königreichs Polen war, als in Warschau noch die Kühe grasten. Aber touristisch hat sich in den letzten Jahren viel getan, die Kühe sind verschwunden. Die pulsierende Lebendigkeit einer europäischen Grossstadt, viele wiederaufgebaute Sehenswürdigkeiten neben neuen, architektonisch wagemutigen Wahrzeichen und nicht zuletzt ein bunter Mix aus Einkaufszentren, Factory-Outlets und Boutiquen, der längst das Zeug zum Shopping-Insidertipp hat: Zu erleben gibt es in Warschau wirklich mehr als genug. Im Zeitalter der Billigflieger lohnt sich die Stadt mittlerweile auch für einen Kurzbesuch. Auch wer auf der Suche nach Party ist, kommt in der künftigen EM-Hochburg nicht zu kurz. Wer sich vor seiner Reise im Internet schlau macht über Clubs, der wird merken, das Angebot ist schier unbegrenzt. Darum hier nur eine kleine Auswahl, wobei es zu beachten gibt, dass viele Discos und Musikclubs schneller wieder schliessen, als dass sie eröffnet haben. Ausgehtipp Nummer eins, das "W Oparach Absudu": „In den Dämpfen des Absurden“ heißt diese Kneipe mit einem verrückt anmutenden Stilmix: alte Möbel, Sessel und Nähmaschinen mit romantischer Kerzenbeleuchtung. Es herrscht eine ungezwungene, ausgelassene Atmosphäre mit eigenem Charakter. Zudem gibt es regelmässig Livemusik und es ist einer der wenigen Orte, an denen auch Warschauer Lieder gespielt werden. Für den kleinen Hunger gibt es Snacks an der Theke, im Sommer hat es einen Biergarten. Tipp Nummer zwei, das "Szpilka": Einer der ersten modernen Clubs in den 1990er-Jahren. Tagsüber ein ganz normales Café, mutiert das Szpilka abends zu einem sehr gut besuchten Club, der bekannt ist dafür, die ganze Nacht geöffnet zu haben (nur zwischen 6 und 7 Uhr eine Stunde lang geschlossen). In Warschau heisst es darum, "Wer wann auch immer Hunger hat oder sich unterhalten will, geht zu Szpilka."
* Reto Fischer aka Monsieur Fischer ist leidenschaftlicher Blogger, Texter und Reise-Fan.
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Empfehlung (citytrip admin): Flüge und Städtereisen nach Warschau







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