von Reto Fischer *
Wer kennt sie nicht die Räubergeschichten über Marseille. Kein Wunder denn noch bis in die 70er Jahre gab es im Kino regelmässig Gangsterfilme zu sehen, welche in Marseille gedreht wurden. Das "Chicago Europas", dieser Ruf blieb an Marseille hängen bis in die tiefen 90er Jahre. Aber OK, so ganz unbegründet war er dann vermutlich auch nicht. Regelmässig führte die Bouche-du-Rhône-Metropole die Kriminalitätsstatistik an. Erst seit ein paar Jahren streiten sich Lyon und Paris um den Spitzenplatz... Marseille hat sich herausgeputzt, sich organisiert, sich gekümmert. Marseille verdient inzwischen den Namen Metropole, vorbei sind die Zeiten wo sich Matrosen, Legionäre und Dealer erst Schiessereien geliefert und sich danach im Rotlichtviertel vergnügt haben.
Ich persönlich liebe die Stadt, das mag natürlich daran liegen, dass ich einmal da gewohnt habe. Wobei ich die Stadt und ihre Menschen deswegen ja nicht zwangsläufig mögen müsste. Vom "alten" Marseille ist wahrlich nicht mehr viel übrig geblieben. Viele Quartiere wurden total saniert, in der Innenstadt hat man die öffentlichen Verkehrsmittel ausgebaut, Shopping-Malls erstellt, alles ist heller und damit auch sicherer. Der Vieux Port wird in heute in jedem Reiseführer über Frankreich erwähnt, früher wurde noch vor diesem Ort gewarnt. Wobei wir dann auch schon bei der ersten Sehenswürdigkeit wären: der alte Hafen umfasst eine Bucht in welcher unzählige Segelboote stationiert sind. Es gibt auch eine kleine Fähre von Ost nach West, die sogar kostenlos ist. Aussen am Ufer wimmelt es nur so von Restaurants und Kneipen. Für jede Preisklasse ist da etwas dabei, aber aufgepasst es gibt auch zalreiche Nepper und Bauernfänger die zahlreichen Touristen nur schlechte Ware bieten. Als Geheimtipp gilt das Miramar (12, Quai Port). Da muss man quasi die Bouillabaisse probieren und wer es weniger üppig mag gönnt sich eine würzige Fischsuppe. Die Preise sind im oberen Segment, jedoch holt der Küchenchef die frischen Fische noch jeden Tag selber vom Markt, der nur wenige Meter vom Restaurant zu finden ist.
Aber bevor man essen geht, sollte man sich das natürlich verdienen. Mit einem Stadtrundgang. Da empfiehlt sich - für Neulinge - der kleine Zug für Touristen, kostet fast nix und führt an allen wichtigen Orten der Stadt vorbei. Es gibt auch Openair-Busse, die sind allerdings viel teurer und die Rundfahrt dauert fast einen halben Tag. Unbedingt anschauen sollte man sich die Kirche "Notre Dame de la Garde", welche über hoch über der Stadt steht und ihre Einwohner beschützt. Spannend auch der neue Frachthafen, total modern (Place de la Joliette). Wunderschön ist das "Panier", das einzige Quartier das im zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde und zeigt wie Marseille vor hunderten von Jahren noch war. Nämlich eine Ansammlung von hübschen Häusern in ganz engen und dunklen Gassen. Im Panier findet sich auch die "Charité", ehemals ein Haus für die Armen und Kranken. Heute ein Musuem wo es Bilder von Van Gogh, Matisse und vielen mehr zu sehen gibt.
Wer Lust hat besucht die Inseln, die direkt vor Marseille liegen. Frioul wurde bekannt durch die Geschichte "Der Graf von Monte Cristo", welche Alexandre Dumas da hat spielen lassen. Das Gefängis welches in den Verfilmungen zu sehen ist kann man natürlich besichtigen. Ebenso hat es aber hübsche Felsen auf der Insel, auf denen man sich sonnen kann. Die Boote zur Insel gehen ab dem Vieux Port und sind recht preiswert. Wenn man dann schon in der Gegend ist dann sollte man unbedingt einen kurzen Blick ins Camp der Fremdenlegion wagen, es gibt ein kleines Museum und in regelmässigen Abständen marschieren die Legionäre an einem vorbei. Aber vorsicht, ja nichts unterschreiben sonst bleibt man unfreiwillig 5 Jahre zu Gast in der Garnison.
Marseille bietet sehr viel Kultur, vorallem in Sachen Musik darf die Stadt von sich behaupten zu den Top Locations der Welt zu gehören. Gerade die Hip-Hop-Szene ist weltberühmt und wird mit der in New York oder Los Angeles verglichen. Wer also die Möglichkeit hat ein Konzert von IAM, Psy4 oder so zu besuchen, der sollte das unbedingt tun. Marseille ist aber vorallem eines, nämlich Fussball! Vergleichbar vielleicht mit St. Pauli oder Napoli "spinnen" die Bewohner der Stadt schlicht und einfach wenn es um ihren Club geht: Olympique de Marseille. Im Stade Velodrôme (3 Boulevard Michelet) kann man ein tolles Museum anschauen, falls gerade kein Spiel ist. Falls aber eine Partie stattfindet unbedingt hingehen und sich mit den 80'000 Zuschauern köstlich amüsieren. Karten gibts mit etwas Glück noch im Vorverkauf und sonst auf dem Schwarzmarkt!
Nach dem Spiel gehts dann zum Feiern. Die Auswahl an Nachtclubs und Diskotheken ist riesig. Wiederum befinden sich viele rund um den Vieux Port. Empfehlenswert ist bestimmt Le Troleybus mit seinen 3 Dancefloors, zu finden in einem Kellergewölbe. Unweit befindet sich der Cours Julien, eine Art Studentenviertel. Es befinden sich da neben vielen preiswerten Kneipen auch zahlreiche Musikclubs und Discos. Eine davon Le Flamingo! Guter Sound, immer mal ne Mottoparty und moderate Preise für die Drinks. Und überhaupt ist Marseille eine Stadt die eigentlich nie wirklich schläft, nach dem Ausgang gesellt man sich gerne mal zu den Einheimischen am Meer. Die einen feiern da weiter, andere gehen zum Fischen, wieder andere schlafen gleich am Strand oder es findet noch irgendwo ein spontanes Konzert statt. Ich hab dasschon mitten in der Nacht Manu Chao gesehen, mit einer Gitarre hat er am Lagerfeuer ein paar Songs gespielt, begleitet von ein paar einheimischen Rappern.
In diesem Sinne, lassen Sie sich einfach auf Marseille ein und geniessen Sie das besondere Flair dieser Stadt am Mittelmeer. Sie werden es nicht bereuen, promis!
* Reto Fischer aka Monsieur Fischer ist leidenschaftlicher Blogger, Texter und Reise-Fan.
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